Eine neue Kollaboration mit der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich

Im Frühlingssemester 2022 untersuchen wir in Zusammenarbeit mit der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich (SPAZ) die prekäre Lebenssituationen der Sans-Papiers, Migrant*innen ohne geregelten Aufenthaltsstatus, aus neuer Perspektive. Während besonders undokumentierte Migrant*innen häufig als «passive Forschungsobjekte» wenig Einfluss auf die inhaltliche Konzeption von Forschung nehmen, ist das Projekt inhaltlich an den Forschungsbedarfen der Sans-Papiers und der SPAZ orientiert. In enger Zusammenarbeit von Studierenden und Partner*innen lernen Studierende, Forschungsmethoden im Feld zu erproben, ihre Rolle als Forschende zu hinterfragen und Herausforderungen der qualitativen Forschung zu verstehen. Als anwendungsorientiertes Praxisprojekt sensibilisiert das Projekt Studierende für Perspektiven jenseits der Universität.

 

Im Kanton Zürich leben und arbeiten etwa 13'600-24'900 Sans-Papiers (Studie von Amt für Wirtschaft und Arbeit, 2020). Sans-Papiers leben in der Regel in dichten Stadträumen, die bessere Möglichkeiten bieten, einen Arbeitsplatz und eine geeignete Unterkunft zu finden, Zugang zu verwandtschaftlichen, ethnischen, sozialen oder kulturellen Netzwerken bieten und größere Anonymität ermöglichen (Kaufmann & Strebel, 2021). SPAZ berät diese Migrant*innen und sensibilisiert Staat und Öffentlichkeit für ihre prekäre Lebenssituation, sowie das Thema der undokumentierten Migration. Trotz sonst weitestgehend beschränkter Möglichkeiten ihre Anliegen laut zu machen (Swerts, 2017), richtet die Züricher Stadtpolitik ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf die Sans-Papiers, etwa im Kontext jüngster Initiativen zur Züri City Card. Jedoch diskutieren Forschung und Öffentlichkeit meist nur über und nicht mit den Migrant*innen. Damit spiegelt der lokale Diskurs eine Rahmung von Migrant*innen als «passive Forschungsobjekte» mit wenig Mitsprache in der Definition des Forschungsgegenstandes, die vor allem im Bereich der undokumentierten Migration in Kritik geraten ist (Reyna & López, 2021). Die Auswahl des Projektpartners ergibt sich damit nicht aus einem allgemeinen Forschungsbedarf zur Rolle von Sans-Papiers in der Stadtentwicklungsprozessen, sondern im Besonderen aus der Notwendigkeit einer Forschung, die ihre Perspektive umfänglich einbezieht. 

 

Entsprechend ist das Projekt inhaltlich an den Forschungsbedarfen der Praxispartner*innen orientiert. Dafür werden Forschungsprojekte durch die Studierenden gemeinschaftlich mit Praxispartner*innen entwickelt. In diesen Projekten könnten beispielsweise die Wohn- und Arbeitssituation der Sans-Papiers oder ihre Nutzung öffentlicher Räume erfasst werden: Wie ist ihr Arbeitsalltag organisiert, welche Arbeit wird unter welchen Bedingungen verrichtet? Wie nehmen Sans-Papiers diese Arbeit wahr? Welche städtischen Räume nutzen Sans-Papiers und wie sind ihre sozialen Netzwerke räumlich konfiguriert?

 

Die Lernaktivitäten der Studierenden sind dabei am Forschungsprojekt ausgerichtet: Gemeinschaftliche Problemdefinition, Forschung in Lernpartnerschaften und Gemeinschaftliche Auswertung.

 

Das Projekt wird als Modul der Qualitative Methoden der Humangeographie (GEO422)  in den regulären Wahlpflichtbereich des Lehrplans (Geographisches Institut, UZH) angeboten. Voraussetzung für die Teilnahme sind Grundkenntnisse in qualitativen Forschungsmethoden. Der Kurs wird in deutscher und englischer Sprache unterrichtet.