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Im Härze vo Züri?

Erfahrungen und Gefühle im Gebiet rund um den Hauptbahnhof.
Andrea Müller, Juni 2021

Die Erfahrungen der befragten Personen sprechen von vielseitigen Gefühlen, die sie mit dem Hauptbahnhof Zürich assoziieren.  Trotz sehr individueller Erfahrungen mit dem Raum, konnten wir spezifische Gefühle identifizieren, die wiederholt von Personen aus verschiedenen Gruppen beschrieben wurden. Diese werden hier mit den folgenden Adjektiven betitelt und zusammenfassend umschrieben: gestresst, unsicher, diskri-miniert und stolz. Die Analyse unserer Forschung macht deutlich: dieser Ort “im Härze vo Züri” ist für viele kein Herzensort.  

Gestresst

Jede(r), der/die bereits zu Stosszeiten am HB war, würde diesen Ort als hektisch beschreiben. Obwohl der Raum für Pendler:innen geplant wurde, bleibt er für viele ein Ort, an dem es schwierig ist die Orientierung und Ruhe zu bewahren. Besonders Nutzer:innen, deren persönliche Situation nicht oder nur begrenzt bei der bisherigen Planung des HBs berücksichtigt wurde, erfahren Stressfaktoren. Ein Beispiel dafür sind Personen mit eingeschränkter Mobilität. Hektische Bewegungen und grosse Menschenmassen erschweren ihre Fortbewegung. Eine Mitarbeiterin der Behindertenkonferenz Kanton Zürich (BKZ) erzählte in einem Interview, was solche Situationen bei den Betroffenen auslösen können:

 

Ströme von Menschen, die ein klares Ziel haben und schnell laufen, das löst Frust aus und es ist ernüchternd, dass man nicht wahrgenommen wird. Überforderung, Angst vor Verletzungen, und Stress kommen zusammen.

(Persönliches Interview, 7. Mai 2021)

Hindernisse, etwa Rolltreppen, die von anderen Nutzer:innen nicht als solche wahrgenommen werden, fordern  von mobilitätsein-geschränkten Personen Koordination und Reaktionsfähigkeit. Tritte beim Einstieg ins Tram können zusätzlichen Stress verursachen (s. Abbildung 1). Auch Ampeln mit kurzen Grünphasen können ein Problem darstellen. Während eines Go-Alongs, einem Interview bei dem Personen durch das Untersuchungsgebiet begleitet wurden, berichtete eine Frau im Rollstuhl:

Man muss sich meistens sofort entscheiden, ob man bei Grünlicht über die Strasse will oder nicht, weil sonst schafft man es nicht mehr und muss noch einen Rot-Licht-Zyklus abwarten. Das macht das Bewegen am HB sehr stressig. 

(Go-Along, 30. April 2021)

Eine andere Nutzer:innengruppe, die auch unter der Hektik am HB leidet, sind die Arbeiter:innen der Geschäfte am HB. Die meisten von ihnen verbringen lange Schichten  unterirdisch und bedienen eine Kundschaft, die selbst angespannt ist und oft nur wenig Zeit hat bevor sie weiter muss. Dies verlangt von den Arbeitenden sehr viel Energie ab. Ein Befragter beschrieb seinen Arbeitsort treffend als "ein Wespennest": "Wespennest der Stadt Zürich" (Persönliches Interview, 21. April 2021). Arbeiter:innen berichten auch, dass sie den HB als Arbeitsort stressiger empfinden als Standorte ihrer Filialen, an denen sie früher beschäftigt waren: 

Es sind viel mehr Leute, innerhalb viel kürzerer Zeit, und die wollen nicht warten, die müssen auf den Zug. 

(Persönliches Interview, 19. April 2021)

Es gibt viel mehr Kunden und die Zeit im Shop ist kürzer pro Kunde. (Persönliches Interview, 19. April 2021)

Das Fehlen geeigneter Pausenorte ist ein weiteres, stressver-ursachendes Problem. Viele Ansprüche, die von den befragten Arbeiter:innen genannt wurden, können in der Umgebung des HBs nicht erfüllt werden. Eine Betroffene erzählte:

 

Ja also eigentlich das ganze rote (der Bearbeitungsperimeter) ist eine Zone, welche ich in den normalen Pausen vermeide. Das ist für mich alles mit Lärm, Stress, zu vielen Leuten, Abgasgestank verbunden.

(Persönliches Interview, 27. April 2021)

 

Um Pausen in einer passenderen Umgebung verbringen zu können, müssten die Arbeiter:innen längere Wege zurück legen, wofür die Pausen meist zu kurz sind. Ein genauerer Beschrieb dieses Wunschs nach Erholung der Arbeitenden findet sich im Blog-Post "Wünsche und Möglichkeiten".

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▲ Abbildung 1: Aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrenden: Schnelle Bewegungen und Stufen stellen weitere Stressftaktoren dar. (Quelle: A. Müller)

► Abbildung 2: Stark frequentiert und hektisch: So kennt man das ShopVille heute. Früher schien es hier entspannter abzulaufen. (Quelle: A. Müller. Bearbeitung: SoKu Team). Hier gehts zum Original

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Unsicher

Ein Gefühl, das unsere Befragten wiederholt beschrieben ist Unsicherheit. Vor allem Jugendliche schätzen den HB zeitweise als Ort ein, den es zu Vermeiden gilt. Dies wurde durch von ihnen ge-zeichneten Mental Maps ersichtlich. Sie wurde gebeten, ihre Vor-stellungen vom HB aufzuzeichnen und mit Farben oder Beschrif-tungen zu kennzeichnen, welche Orte sie mögen oder meiden. Ausschnitte daraus wurden in der unten abgebildeten Collage zu-sammengestellt. Diese zeigt, dass Jugendliche sich besonders von anderen Nutzer:innen gestört oder sogar bedroht fühlen.

Befragte berichteten mehrmals, dass sie sich aufgrund der Anwesenheit anderer Nutzer:innen vor allem abends weniger im Perimeter aufhalten. Die beschriebenen Gefühle der Unsicherheit konnten auch durch eine Online Umfrage bestätigt werden. Wäh-rend sich morgens und mittags ca. 70% der Teilnehmer:innen sicher oder sehr sicher fühlen, ist dies abends nur bei 37% und nachts sogar nur bei 17% der Fall. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig, jedoch lassen die Mental Maps und Interviews vermutet, dass der Alkoholkonsum anderer sowie die Dunkelheit wichtige Faktoren sind.

Das Gefühl von Unsicherheit kennen auch Personen mit ein-geschränkter Mobilität, etwa Rollstuhlfahrer:innen, Bewohner:innen von Alterszentren, oder blinde Personen. In deren Fall ist dieses Gefühl jedoch nicht spezifisch auf gewisse Nutzer:innengruppen oder Tageszeiten zurückzuführen, sondern auf die fehlende Bar-rierefreiheit im Parameter. Je nach Einschränkung werden ver-schiedene Schwierigkeiten benannt. Ältere Personen, die sich unsi-cher im Laufen fühlen oder über eingeschränkte Sehstärke verfü-gen, berichten:  

Ich habe mit Randsteinen Mühe, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen. [...] Und dann wenn man beim Central umsteigt… es hat auch beim Niederflurtram einen Tritt.

(Go-Along, 11. Mai 2021)

Also für mich ist [die Polybahn] ein Tabu, ich benutze das nicht mehr. Ich sehe die Tritte nicht, denn sie sind nicht markiert. (Go-Along, 11. Mai 2021)

Eine Person mit Sehstörung, hingegen, erläutert, dass vor allem der Lärm bei ihr Unsicherheit auslöst:

 

Ich gehe nicht alleine. Erstens einmal ist es sehr lärmig und wir Blinden sehen viel mit den Ohren, sage ich. Das ist etwas, dass für uns wichtig ist. Wenn es dann einfach wirklich lärmig ist, ob Tram oder Auto, dann ist das schwierig.

(Go-Along, 23. April 2021)

Es wurden noch viele weitere Hindernisse im Untersuchungsgebiet benannt, etwa grosse Tritte, zu steile Rampen oder zugestellte Blindenstreifen. Wie im Abschnitt Gestresst ersichtlich wird, stellen solche Hindernisse Stressfaktoren dar. Jedoch zeigte sich auch, dass sich die Betroffenen davon nicht unterkriegen lassen. Im Inter-view beschreiben Befragte, wie sie Schwierigkeiten mit kleinen Tricks meistern und dass Begleitpersonen eine grosse Entlastung darstellen.

Inzwischen habe ich herausgefunden, wo man beim Tram besser einsteigt, also immer am Ende, das ist immer das Beste. (Go-Along, 21. April 2021)

 

Ich hätte mich dann schon ein bisschen mehr konzentrieren müssen. Es geht besser, wenn Sie (Interviewer) nebendran sind. (Go-Along, 21. April 2021)

▼ Abbildung 3: Collage aus Mental Maps der Jugendlichen zum Thema Unsicherheit: Eine junge Frau zeichnet beispielsweise einen Ort, an dem es “viele Betrunkene” gäbe, und no-tierte daneben das Wort “Angst”. Eine andere Person zeichnete ein Strichmännchen und beschrieb diese mit dem Satz: “Aggressive Menschen in HB drin”. (Quelle: Teilnehmer:innen von GEO 422, FS 2021. Bearbeitung: SoKu Team)

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Eine besonders vielfältige Gruppe fassen wir mit dem Namen der ‘Macher:innen’ des Raumes um den HB zusammen. Zu dieser Gruppe zählen wir sozial benachteiligte Personen, unter anderem obdach- und wohnungslose, sowie suchterkrankte und bettelnde Personen. Oft werden sie auch als Randständige betitelt, was viele jedoch als diskriminierend erfahren, denn sie sehen sich selbst meist nicht in dieser Rolle. Ein befragter Verkäufer der Surprise, das bekannte schweizer Strassenmagazin, erklärte im Interview:

Randständig höre ich nicht gerne! [...] Weil die, die Surprise verkaufen, Stadtführungen machen oder fotografieren und Texte schreiben, die gehören nicht in das Wort Randständig.

(Persönliches Interview, 19. April 2021)

Ein Sozialarbeiter der SIP Zürich erläutert die Probleme einer marginalisierenden Betrachtungsweise dieser Gruppe am Haupt-bahnhof folgendermassen:

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Eine Randgruppe ist bei der Bevölkerung sehr oft mit Ängsten konnotiert. Man kennt sie ja nicht und sie sehen komisch aus und riechen vielleicht anders als man es sich gewohnt ist. Deshalb gibt es bei der Koexistenz im öffentlichen Raum immer eine gewisse Fragmentierung.

(Persönliches Interview, 4. Mai 2021)  

Diskriminiert

Doch nicht nur die Macher:Innen des Raumes um den HB sind von Diskriminierung betroffen. Eine Online Umfrage mit ca. 130 Jugend-lichen zeigt, dass diese Erfahrung auch innerhalb ihrer Gruppe vermehrt im Raum vorkommt. Fast ein Viertel der Befragten geben an, am HB Zürich bereits eine Form von Diskriminierung erfahren zu haben. Sie berichten unter anderem von sexueller Belästigung, Gewalt, und Rassismus. Beim Zeichnen einer Mental Map erzählt eine junge Frau von ihrer Diskriminierungserfahrungen am HB:

 

Menschen sollten respektiert werden […] Ich weiss nicht, ob es rassistisch war oder nicht. Aber für mich war es das schon. Weil da wird man halt, egal was man macht, man wird hier “zusammen geschissen” […] meisten ist es aufgrund der Sexualität oder weil man halt dunkelhäutig ist oder nicht so ist wie diese Person selber.

(Persönliches Interview, 24. April 2021)

Solche Erlebnisse haben zur Folge, dass sich die befragten Jugendlichen am HB unsicher und weniger akzeptiert fühlen, sich mehr Sicherheitspersonal vor Ort wünschen, oder den Ort ver-meiden. 

▼ Abbildung 4: Die Resultate einer Online-Umfrage mit jugendlichen Personen: Der HB wird von den Jugendlichen häufig frequentiert, jedoch haben knapp ein Viertel der Befragten bereits Diskriminierung erfahren. (Umfrage: Teilnehmer:innen von GEO 422, FS 2021. Bearbeitung: SoKu Team)

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Stolz

Interviews mit Arbeitenden des HB Zürichs wurde uns die Besonderheit des Ortes immer wieder beschrieben: Es trifft eine Menge and verschiedener Leute zusammen, viele Geschäfte befin-den sich unterirdisch, die Atmosphäre ist besonders hektisch. Eini-ge Personen haben damit zu kämpfen und berichten wie sie ihren Alltag so organisieren, dass sie trotzdem im Ausgleich bleiben. An-dere schätzen genau diesen Trubel und sind sehr positiv auf ihren Arbeitsort zu sprechen. Eine Person stach besonders hervor: Reto, ein Mitarbeiter des ShopVilles. Er beschreibt uns einem gewissen Stolz, den er verspürt, wenn er von seiner Arbeit und besonders von seinem Arbeitsort berichtet.

Wenn man sagen kann man arbeitet inmitten des Stadtzentrums im Herzen von Zürich – ich finde, da kann man schon einen gewissen Stolz haben. 

(Persönliches Interview, 22. Juni 2021)

Für ihn ist klar, dass jede(r), der einen Job an einem so stark frequentieren Ort hat weiss, was es bedeutet, hart zu Arbeiten. Dass er selbst seit sechs Jahren am HB beschäftigt ist, gibt ihm daher ein Gefühl des Stolzes. Im weiteren Gespräch mit Reto wird aber klar, dass ihn nicht nur dieser Aspekt seines Arbeitsortes fasziniert: Einerseits hegt Reto eine grosse Begeisterung für Züge, anderer-seits schätzt er, dass fast immer etwas los ist und selten Lange-weile herrscht. 

Es zeigte sich auch, dass hinter seinem Stolz ein gewisser symbo-lischer Wert steckt, welcher der Hauptbahnhof als Standort im Herzen Zürichs inne hat. Zusammen mit der Diversität der Gefühle die aufgezeigt wurden, wird die Bedeutung, den HB Zürich als Gefühlsraum zu verstehen, unterstrichen.

▲ Abbildung 5: Reto posiert stolz an seinem Arbeitsplatz vor einem seiner Lieblingszüge. (Quelle: A. Müller)

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Wünsche und Möglichkeiten