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AllTag am HB

Aktivitäten am und um den Hauptbahnhof Zürich und das Central
Daria Alessi & Hannah Sommer, Juni 2021

Das Areal um den Hauptbahnhof Zürich und das Central wird täglich von mehr als 450’000 Menschen fre-quentiert (Walter, 2020). Der Hauptbahnhof und das Central dienen sowohl für das öffentliche Verkehrsnetz als auch für den motorisierten Individualverkehr als wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Das Areal zeichnet sich zudem durch eine grosse Anzahl unterschiedlicher Einkaufsmöglichkeiten mit langen Öffnungszeiten aus. Dieser Umstand ist ein treibender Nutzungsfaktor für das Areal. Zu späten Zeiten oder an Sonn- und Feier-tagen werden diese Einkaufsmöglichkeiten erhöht genutzt. Das heisst, es wird in diesem Raum länger konsu-miert und demnach, auf der anderen Seite der Theke, auch länger gearbeitet. Neben Pendler:innen, Reisen-den und Arbeitenden halten sich auch Menschen am Hauptbahnhof auf, die das Gebiet nicht vornehmlich zum Transit und zum Arbeiten nutzen. Einige verdienen ihr Geld am Hauptbahnhof, andere geben es dort aus. Eini-ge hetzen alleine durch die Läden, andere hängen in einer Gruppe beim Bahnhofquai ab. Im Folgenden wollen wir auf diese Nutzungen, die teils nicht offenkundig und erst auf den zweiten Blick erkennbar sind, aufmerk-sam machen.

Sein

 ▼ Abbildung 1: Arbeit und Konsum rund um die Uhr,  24.06.21 (Quelle: H. Sommer)

 ▼ Abbildung 2: Jugendliche «hängen» am Hauptbahnhof, 24.06.21 (Quelle: H. Sommer)

Das Untersuchungsgebiet ist für viele Menschen unterschiedlicher Altersgruppen ein beliebter Ort, um Zeit zu verbringen und sich zu treffen. Gerade als während COVID-19 und dem Shutdown im Frühjahr 2020 als nicht-systemrelevant eingeschätzte Einrichtun-gen und Geschäfte geschlossen waren. Für Personen, die vom Mainstream Lebensstil abweichen und ausgegrenzt und margina-lisiert werden, stellt das Areal einen wichtigen sozialen Treffpunkt dar. Menschen nutzen Orte wie den Taubenschlag oder das Globus-provisorium, um sich Raum anzueignen indem sie sich mit Anderen dort treffen und Zeit verbringen. 

 

Ein Surprise Verkäufer sagte uns im Interview:

Eben dort gehen wir jetzt hin. Bahnhofbrücke. Warum? Dort hat es Wasser dort hat es Tiere. Ich liebe Wasser und Tiere. Das gibt mir immer Energie.

(Persönliches Interview, 19. April 2021)

Das Areal stellt auch für die jüngere Bevölkerung Zürichs einen wichtigen sozialen Raum zum Verweilen dar. Jugendliche treffen sich regelmäßig im Areal (siehe Abbildung 2). Befragte Jugendliche sagten folgendes: 

Also was ich hier gerne habe ist diese Brücke [gemeint Mühlesteg], weil ich Erinnerungen mit Kollegen habe, wo wir hier einfach am Abend spazieren gingen, an der‚ Kussbrücke‘ zusammen Musik gehört und geredet haben.

(Persönliches Interview, 9. April 2021)

 

Also was ich hier [...]  gern mache ist einfach sich zu sehen, etwas zu chillen und mit Kollegen Musik hören und die Zeit genießen.

(Persönliches Interview, 9. April 2021)

 

[was wir hier am meisten machen ist] Essen, Mac. [...] Und eben bei den Kiosks beim HB ist es Tabak und Zigaretten kaufen.

(Persönliches Interview, 9. April 2021)

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▼ Abbildung 3: Jugendliche zeichnen ihren Lieblingsort rund um den Hauptbahnhof Zürich, 9.04.21 (Quelle: GEO422 FS2021 Teilnehmer:innen)

Zu den beliebten Orten gehören vor allem Plätze, an welchen mensch sitzen kann, und wo mensch im Winter und bei Regen-wetter geschützt ist. Dazu gehören das Papierwerdareal, die Bänke bei dem Landesmuseum, Plätze in der Nähe der Limmat oder der Sihl, sowie Restaurants und Take-away shops. Ein Surprise Ver-käufer bemerkte in einem Interview:

 

Landesmuseum finde ich noch lässig, da kannst du jetzt rein, kannst ein bisschen relaxen, hast deinen Frieden, du hast niemand der dich plagt. Dort bin ich noch gerne, in diesem Park. Früher weniger, aber heute wenn ich in Zürich bin und Langeweile habe, gehe ich dort rein und gehe ein bisschen go sünnele. (Persönliches Interview, 19. April 2021)

Menschen ohne Wohnung oder ohne Arbeit verbringen viel Zeit, manchmal tagelang, am Areal Hauptbahnhof. Sie nutzen verwin-kelte, versteckte Orte, oder Nischen, um in Ruhe miteinander zu sprechen oder etwas zu essen. Eine ehemals obdachlose Person sagte über den Park hinter dem Globusprovisorium:

äh als wir obdachlos waren, sind wir immer da in den Coop rein .... weil das ist auch noch ein Ort, wo ich sehr gerne war dort hinten zum Essen.

(Persönliches Interview, 19. April 2021)

 

Auf der anderen Seite verbringen Menschen die am Hauptbahnhof arbeiten, sei es bei der Arbeit oder in den Pausen, Zeit auf dem Areal. Viele Alltagspraktiken der Arbeiter:innen finden demnach in diesem öffentlichen Raum statt. So wird auf dem Areal gegessen, die sanitären Anlagen genutzt und ausgeruht (Interview mit Shop-ville Mitarbeiter, 27. April 2021).

 

Das Areal um den Hauptbahnhof und das Central ist demnach mehr als nur ein Verkehrsknotenpunkt. Es handelt sich um einen Ort, an dem Zeit verbracht wird und soziale Beziehungen geknüpft und gepflegt werden.

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(Be)wohnen

Jeden Morgen steht mensch auf, geht ins Bad, putzt sich die Zähne, nimmt das Handy vom Ladekabel, packt die Taschen, frühstückt und verlässt das Haus oder die Wohnung. Aber wie ist es, all das am Hauptbahnhof zu machen? Für die Mehrheit der Gesellschaft ist das zu Hause ein klar definierter Raum mit Wänden und einer Tür, die sich schließen lässt. Hinter dieser Tür finden Aktivitäten statt, die dem privaten Raum zugeordnet werden. Der Untersuchungsraum ist für viele Menschen ein Ort, an dem Tag und Nacht gelebt, ge-arbeitet und verweilt wird. So gilt dieser Raum für diese Personen als öffentlicher Raum, an dem aber als private oder häuslich geltende Aktivitäten praktiziert werden. Ein Sozialarbeiter, sagte über einen (ihm bekannten) obdachlosen Mann:

 

Der wohnt dort. Es ist sein Zuhause.

(Persönliches Interview, 12.April 2021)

Für haus- oder wohnungslose Menschen oder Menschen mit prekären Wohnungssituationen bietet der Hauptbahnhof viel an In-frastruktur, welche für andere Menschen in den eigenen vier Wänden vorhanden ist. Dies gilt auch für Menschen, die tagsüber oder nachts draußen arbeiten. Toiletten nutzen, Mobiltelefone auf-laden, Videos streamen, schlafen, Drogen konsumieren – das sind alles Aktivitäten, die Menschen auch am Hauptbahnhof machen. Diese Leistungen sind für die jeweiligen Personen oft an keinem anderen Ort zugänglich. Eine ehemals obdachlose Person sagte in unserem Interview:

 

Dann [als ich noch obdachlos war] war diese Zeit, wo die Oase der SBB, dann sind wir jeweils dort Morgenessen und das Natel aufladen gegangen.

(Persönliches Interview, 19. April 2021)

Diese häusliche Nutzung hat auch das Konsumangebot am Hauptbahnhof geprägt. So bietet beispielsweise im KKiosk am Hauptbahnhof Zahnpasta, Zahnbürsten, Haarbürsten, Tampons und Duschmittel zum Verkauf an.

Der Hauptbahnhof ist ein zentraler Ort des Lebens und des Überlebens. Zu den Alltagspraktiken rund um das Gebiet gehört for-melle wie auch informelle Arbeit.

Der Hauptbahnhof und das umliegende Areal sind aufgrund der grossen Menschenmassen ein beliebter Ort für Menschen, die ihr Geld auf der Straße verdienen. Ein Surprise Verkäufer sagte uns im Interview:

 

Was hier gut ist: Wenn es kalt ist macht man gut Trinkgeld. (Persönliches Interview, 19. April 2021)

 

Für die Drogenszene ist das Areal unter anderem durch die Nähe des Areals zur Arud, ein Ambulatorium zur Behandlung bei Abhän-gigkeitserkrankungen, von Bedeutung. Vor einigen Jahren wech-selte die Arud ihren Standort und zog in die Unmittelbare Nähe des Hauptbahnhofs (Interview mit Sozialarbeiterin der Arud, 16.4.2021).

 

Dieser Umzug veränderte die Nutzung des Untersuchungsgebietes, da die Patient:innen der Arud nun um zur Institution zu gelangen das Untersuchungsgebiet durchqueren müssen. In kleinen Nischen rund um das Areal werden Drogen ver- und gekauft und zum Teil auch konsumiert – Aktivitäten, die für das Überleben dieser Men-schen wichtig sind. Zudem werden auf dem Areal häufig Güter gratis verteilt, beispielsweise im Rahmen einer Promotionskam-pagne. Eine befragte Person sagte dazu:

 

Also wenn man dort vorbei geht sind da Leute am Verkaufen (Drogen) oder am Suchen. Und am Anfang hat man mich gar nicht gefragt und wenn ich dann in die ARUD gegangen bin hat man mich immer gefragt: «arbeitest du hier»? Die konnten es anfänglich gar nicht glauben, dass ich Diaphin, überhaupt nehme. Und nein, darum, klar werde ich jetzt auch angehauen, weil die Leute jeden Tag dort sind und suchen und fragen natürlich jedes Mal.

(Persönliches Interview, 13. April 2021)

Andere Menschen, die sich nicht im Mainstream Gitter der nine to five Arbeitsnorm befinden, praktizieren – teils gezwungen, teils gewählt – Alltagstätigkeiten an öffentlichen, unüblichen Orten. Der Hauptbahnhof stellt somit einen Raum dar, der auch außerhalb von Pendler:innenzeiten und den normativen Arbeitszeiten sehr stark genutzt wird. 

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▲ Abbildung 4: Mann lädt sein Handy an öffentlicher Steckdose auf (Quelle: D. Alessi)

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▲ Abbildung 5: Angebot eines KKiosk am Hauptnahnhof Zürich  (Quelle: H. Sommer)

Bewältigen 

Und wenn es irgendwie Hürden gibt, dann probiere ich ... diese zu bewältigen ... Beim Bewältigen von Problemen ist es immer ein Abschätzen der Gefahrmöglichkeiten, Unfallmöglichkeiten. (Persönliches Interview, 21. April 2021) 

Dieses Zitat stammt aus einem persönlichen Interview mit einer gehbehinderten Person. Menschen mit eingeschränkter  Mobilität stellt das Areal vor  Herausforderung in Form physischer Hinder-nisse. Für diese Menschen ist das Areal zum Teil nur schwer zugänglich. Vor allem das Central stellt für Menschen mit einge-schränkter Mobilität und/oder körperlichen Beeinträchtigungen einen unübersichtlichen und gefährlichen Ort dar, wie uns beschrie-ben wurdet:

 

Also an die Bahnhofstrasse komme ich gut, da weiss ich zum Beispiel wohin ich muss. Was ich jetzt nicht gerne gehe, (ist) das Central. Das Central ist sehr kompliziert.

(Persönliches Interview, 23. April 2021)

Natürlich dient das Areal auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität/oder körperlichen Beeinträchtigungen als Verkehrskno-tenpunkt. Um schwierige und gefährliche Situationen zu meiden, nehmen viele Menschen einen längeren Weg in Kauf. So wird zum Beispiel der Hauptbahnhof gemieden und eine Route gewählt, die um das Areal herumführt. Oder anstatt einen kurzen Weg zu Fuss zu gehen, wartet mensch auf das Tram. Dies wurde uns von einer Sehbehinderten Person wie folgt erklärt:

Also wenn ich von hier aus einfach auf eigene Faust ans Central müsste … dann würde ich sehr wahrscheinlich … das so machen, dass ich da vorne ins Tram einsteigen würde und dann mit dem Tram zum Central würde gehen.Das wäre für mich das einfachste. Sodass, ich keine Straßen überqueren muss, sodass ich keine Fussgängerstreifen suchen muss. Das wäre das, wo ich wenn ich es, wenn ich es jetzt als Blinder würde machen. (Persönliches Interview, 23. April 2021)

Blindenleitsysteme (Rillen am Boden) helfen sehbehinderte Personen unvermeidbare  Wege durch den Hauptbahnhof zu bewäl-tigen. Diese Hilfe wird von den befragten sehbehinderten Personen sehr geschätzt. Jedoch stellen andere Infrastrukturen Hindernisse für Menschen mit eingeschränkter Mobilität und/oder körperlichen Beeinträchtigungen dar. Die dichte Infrastruktur von Rolltreppen zu umgehen, um alternativ einen Lift zu benutzen, bedeutet meist ei-nen Umweg. Rolltreppen müssen im richtigen Moment betreten werden, um Unfälle oder Missgeschicke zu verhindern. Dass  dafür eine gute Koordination, gutes Sehvermögen, Reaktionsfähigkeit und eine zumindest moderate körperliche Verfassung wesentlich sind, schließt viele Menschen von der Nutzung der Rolltreppen aus.

Wenn man den Ort jenseits von verkehrsplanerischen Fragen unter-sucht wird klar, dass der Hauptbahnhof nicht nur als Verkehrskno-tenpunkt dient. Jugendliche hängen auf den Bänken ab und hören Musik, wohnungslose Menschen nutzen die Sanitären Anlagen und eignen sich den Raum als zu Hause an und Menschen mit einge-schränkter Mobilität und/oder körperlichen Beeinträchtigungen ver-suchen ihren Aufenthalt im Untersuchungsgebiet auf einem Mini-mum zu halten. 

Wenn man die Perspektive der befragten Personen ernst nimmt zeigt sich das Areal um den Hauptbahnhof und das Central als Raum der Begegnung, der häuslichen Praktiken und der Hinder-nisse. Aufwachen, Duschen, Frühstück essen, Zähneputzen, Handy-laden, Umziehen, auf die Toilette gehen, Hindernisse bewältigen, be-ten, chillen - der Hauptbahnhof ist ein Raum für eine Vielzahl von Alltagsnutzungen.

 

Walter, G. (2020, 13. September) Das sind die beliebtesten Bahnhöfe der Schweiz. 20 Minuten. https://www.20min.ch/story/das-sind-die-beliebtesten-bahnhoefe-der-schweiz-979454743444.

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